#8 Der schwarze Krieger
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Streitaxt und Schild

Es war schon spät, kurz nach Mitternacht. Die meisten Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Nur ein paar wenige Trinker saßen noch bei ihrem letzten Met. Murdra schnaubte gequält, als sich die Eingangstür der Taverne knarrend öffnete. Auch das noch, dachte sie. Ihr Rücken schmerzte und ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Nichts kam ihr ungelegener als ein später Gast.

»Halt’s Maul, Morra!«
Elgan starrte mit offenem Mund durchs Fenster und ließ den Löffel zurück auf den Teller sinken. Murdra drehte sich um, mit ihrem Besen, und spähte ihrerseits aus dem Fenster. Das gibt’s nicht, dachte sie. Auf ihrem Hof stand ein Ork. Es war kein Ork wie Murdra sie kannte, keine gebeugte Gestalt mit zerlumpten Klamotten und den verhuschten Augen eines wilden Tieres. Es war ein stolzer, aufrechter Krieger mit einem buschigen Bart im Orkgesicht und einer schweren Lederrüstung. Er hatte einen Rundschild auf dem Rücken – und eine mächtige Streitaxt. Das gibt’s nicht, dachte Murdra noch einmal, denn auf ihrem Hof stand nicht nur ein Ork, auf ihrem Hof standen zwei Dutzend Orks, mindestens, und sie alle waren vom gleichen Schlag.
»Ihr kommt mir nicht ins Haus!« hörte Murdra Belgor rufen. Er stand mit ein paar Holzfällern zwischen den Orks und dem Eingang zur Schankstube. Ein dunkles Grollen legte sich über den Hof. Die Orks lachten.
»Wer will uns aufhalten, Einbein?« donnerte der Ork, den Murdra als erstes erblickt hatte.
Belgor schaute sich zu den Holzfällern um, die bei ihm standen. Sie wirkten nicht sehr zuversichtlich. »Ihr kommt mir nicht ins Haus!« wiederholte Belgor trotzig, aber mit leiserer Stimme. Murdra konnte vom Fenster aus sehen, wie sein Holzbein bebte.
»Was ist denn da draußen los?« fragte Rauter, der im hinteren Teil des Schankraums saß.
Was für ein Glück, dachte Murdra und drehte sich zu Rauter um. Er saß nicht alleine an seinem Tisch. Fast die gesamte Kämpfergilde von Stewark hatte sich in der Gespaltenen Jungfrau eingefunden, zur Jahresversammlung, wie sie es nannten. Zwanzig Mann mit Waffen.

»Da sind Orks auf dem Hof!« rief Murdra Rauter und den Gildenkämpfern zu. »Viele Orks!«
»Entlaufene Sklaven oder Silberseeorks?« fragte Rauter ganz entspannt.
Murdra schüttelte den Kopf. »Weder noch«, sagte sie. »Krieger in schwerer Rüstung, mit Schilden und Äxten!«
»Was?« rief Rauter erstaunt. »Wo kommen die her?« Dann waren die Gildenkämpfer auf den Beinen, griffen nach ihren Schwertern und Äxten und drängten zur Tür. Murdra schaute wieder aus dem Fenster hinaus. Die Orks stapften über den Hof. Belgor und die Holzfäller wichen Schritt um Schritt zurück. Dann wurde die Tür des Schankraums aufgerissen und die Gildenkämpfer strömten hinaus, schoben sich an Belgor und den Holzfällern vorbei. Die Orks zögerten.
»Ihr habt hier nichts verloren«, rief Rauter den Orks mit erhobenem Schwert zu. »Verschwindet!«
Ein Knurren ging durch die Orks. Schilde und Äxte wurden gezogen. »Habt ihr’s gehört?« tönte einer von ihnen. »Der Morra will bluten!« Die Orkkrieger lachten. »Dann lassen wir ihn bluten!« donnerte ein anderer Ork. Äxte trommelten gegen Schilde.
Ein lauter Ruf übertönte das Getrommel: »Aufhören!«

Erst jetzt bemerkte Murdra den Mann, der ein paar Schritte hinter den Orks stand. Seine Haut war dunkel, fast schwarz, sein muskulöser Körper in Leder und Eisen gehüllt. Die Kriegsaxt hing noch immer auf seinem Rücken. Ein Schwarzer Krieger, schoss esMurdra durch den Kopf. »Wir können keine Verluste mehr brauchen«, rief der Schwarze Krieger, während er sich zwischen den Orks hindurchdrängte. »Nicht jetzt!«
»Wir kämpfen, wann wir wollen!« brüllte ein besonders großer Ork mit mächtigen Hauern, der eine Zweihandaxt in der Hand hielt. »Du hast uns nichts zu befehlen!«
»Ich befehle dir nichts, Erhag«, dröhnte der Schwarze Krieger. »Ich gebe dir nur meinen Rat. Wir können nicht ewig fliehen. Irgendwann müssen wir kämpfen! Dann brauchen wir jeden einzelnen deiner Orks!«
»Wer sagt, dass wir fliehen?« donnerte Erhag mit einem bösen Grollen in der Stimme. »Ein Ork flieht niemals!«
»Nenn‘ es wie du willst. Ich nenn‘ es fliehen!« höhnte der Schwarze Krieger. »Wir sind mit dem Schiff geflohen, aus Myrtana, in den Norden Varants. Und dann? Was haben wir gemacht, als Rhobar gegen den Süden gezogen ist? Haben wir gekämpft? Nein! Wir sind wieder geflohen, nach Ben Sala, Mora Sul, monate-, ach was, jahrelang!«
»Schweig, Morra!« brüllte Erhag. Sein Gesicht war eine Maske des Zorns.
Die Gildenkämpfer schauten einander ebenso verwirrt an wie die Orks, die ihnen gegenüber standen. Murdra sah, wie Rauter seinen Freunden ein Zeichen machte. Es sah aus, als wollte er abwarten, wie sich der Streit entwickelte. »Einen Dreck werd‘ ich tun, Erhag!« fuhr der Schwarze Krieger fort. »Du weißt so gut wie ich, dass Rhobar Mora Sul nur mit einem Teil seines Heeres belagert hat. Den Rest hat er einschiffen lassen. Deine Späher haben es gesehen. Wie lange wird es dauern, bis er hier auf den Inseln landet? Ein paar Wochen? Ein paar Tage? Kommen wird er! Ich sage, wir müssen kämpfen, bevor Rhobar auch die letzte freie Insel erobert hat, und dürfen uns nicht weiter aufreiben, in nutzlosen Kämpfen gegen lausige Bauern.«
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Thorus

»Thorus hat Recht«, mischte sich ein weiterer Ork ein. Er sah nicht nach einem Krieger aus, zumindest trug er keine Axt, sondern nur einen knorrigen Stab.
»Du hast dem Morra schon immer die Stiefel geleckt, Grosch!« donnerte Erhag und fletschte die Zähne.
»Willst du mich herausfordern?« knurrte Grosch. Er stand im vollen Sonnenlicht, aber um ihn herum schien sich das Licht zu verdunkeln. Erhag starrte ihn an, wütend, aber doch mit einem Funken Furcht in den Augen. Ein gedehntes, finsteres Grollen drang aus seiner Kehle. Er schwieg. Dann spuckte er vor sich auf den Boden. »Welchen Rat hat der Morra diesmal zur Hand?«
»Argaan ist für seine Festungen bekannt. Die Inseln weiter im Süden bieten als Schutz nur den Dschungel. Ich sage, wir bleiben hier auf Argaan und schließen uns einem der Heerführer der Insel an, um gegen Rhobar und die Paladine zu kämpfen!« rief Thorus.
»Ein Bündnis mit den Morras, was?« fragte Erhag und lachte. »Niemals!« Er ließ seinen Blick über die Orks schweifen und rief: »Ich sage, wir gehen ins Gebirge und kämpfen  wie Orks – frei und mit Ehre!« Einige Orks trommelten mit ihren Äxten auf ihre Schilde, aber es waren nur wenige, die meisten starrten Thorus und Grosch abwartend an.
»Du willst gehen?« erwiderte Thorus verächtlich. »Dann geh‘ – und stirb wie ein Hund. Ich werde bleiben und kämpfen, mit einer Armee im Rücken!«

Für einen Augenblick legte sich Stille über den Hof der Gespaltenen Jungfrau.
»Ich sage, wir folgen Thorus‘ Rat«, rief Grosch in die Stille hinein.
Damit war die Entscheidung gefallen. Äxte trommelten gegen Schilde. Erhag stieß einen kleineren Ork beiseite und stapfte ein paar Schritte in Richtung Tor. Dann blieb er stehen und schaute über die Schulter zurück. »Ich geh‘ ins Gebirge«, brüllte er, »wer will, kann mir folgen. Der Rest«, er spuckte auf den Boden, »soll den Morras die Stiefel lecken!«
Dann stapfte er weiter.
Ein Raunen ging durch die Orks. Ein paar von ihnen machten Anstalten, Erhag zu folgen. Der Schatten, der Grosch umgab, verfinsterte sich. »Lass sie gehen – und sterben«, sagte Thorus. Grosch starrte ihn trübe an. Dann löste sich der Schatten auf. »Geht!« donnerte er.
Fünf Orks verließen den Hof der Gespaltenen Jungfrau und folgten Erhag in die Wildnis. Thorus schaute ihnen einen Moment lang nach, dann drehte er sich zu Rauter um.
»Wer ist der mächtigste Kriegsherr hier auf der Insel?« fragte er.
»Das, Fremder, ist Ethorn VI, der König von Argaan«, antwortete Rauter, das Schwert noch immer in der Hand.
»Wo finde ich ihn?«
»An der Ostküste«, sagte Rauter. »In Setarrif, dem Stammhaus seiner Familie. Du kannst der Küstenstraße in Richtung Süden folgen. Oder du gehst nach Norden, über Thorniara.«

Der Schwarze Krieger nickte nachdenklich mit dem Kopf.
»Steckt eure Äxte weg«, rief er den Orks zu. »Wir ziehen weiter!« Dann drehte er sich um und ging auf das Tor zu. Die Orks folgten ihm. Murdra schaute ihnen nach, wie sie durchs Tor verschwanden, und selbst als die Orks längst nicht mehr zu sehen waren, blieb ihr Blick an der Staubwolke haften, die ihre schweren Stiefel von der staubigen Küstenstraße aufwirbelten. Dann hörte Murdra Elgans Löffel über den Teller scharren.
»Ich könnt‘ jetzt noch 'ne Suppe gebrauchen«, sagte Elgan. »Und ’nen Becher Met!«
Murdra nickte mit dem Kopf. Allmählich kehrten die Gildenkämpfer in den Schankraum zurück. Weitere Rufe nach Met wurden laut. Murdra stapfte in ihre Küche. Erst jetzt merkte sie, dass ihre Beine zitterten.
Als sie in der Küche war, atmete sie einmal tief durch. Das Zittern ließ nach. Sie griff nach ein paar Bechern im Regal und stellte sie vor sich auf den Tisch, dann hörte sie Belgors Holzbein über den Küchenboden klopfen. Seine warme, starke Hand legte sich auf ihren Hintern. Murdra drehte sich zu ihm um und seufzte.
»Ich sag’s immer: Du bist ein Held«, hauchte sie. Belgor lächelte.

von Hans-Jörg Knabel

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