#7 Der Fremde

Es war schon spät, kurz nach Mitternacht. Die meisten Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Nur ein paar wenige Trinker saßen noch bei ihrem letzten Met. Murdra schnaubte gequält, als sich die Eingangstür der Taverne knarrend öffnete. Auch das noch, dachte sie. Ihr Rücken schmerzte und ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Nichts kam ihr ungelegener als ein später Gast.

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Gewebtes Banner von Rhobar III

Der Mann, der den Schankraum betrat, trug eine lange, zerschlissene Kutte aus schlichtem, braunem Leinen. Er hatte einen grob geschnitzten Wanderstab in der Hand und einen vergilbten Lederrucksack auf dem Rücken. Eine löchrige Kapuze verbarg sein Gesicht. »Pah«, zischte Murdra. Geld hat der keins! Sie knüllte das Küchentuch zusammen und warf es auf die Anrichte. Dann stapfte sie aus der Küche.

»Nichts da!« rief sie, während sie auf den Neuankömmling zuhielt, und schüttelte entschieden den Kopf. »Wir haben geschlossen!«

Der Fremde blieb vor der offenen Tür stehen. Wasser tropfte ihm von der Kutte, bildete eine Lache um seine klobigen Stiefel. Hinter ihm prasselte der Regen aufs Vordach. Der Mann hob die linke Hand, die von einem schmutzigen Verband umwickelt war, und schob sich die Kapuze vom Kopf. Er hatte kurzes, dunkelbraunes Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war und im Fackelschein fettig glänzte. Dichte Bartstoppeln bedeckten seine Wangen und sein Kinn. Er schaute Murdra traurig an.

»Ich will dir keine Umstände bereiten«, sagte der Fremde mit leiser Stimme. »Nur um ein Bett für die Nacht wollte ich bitten – oder um einen Platz in deinem Stall.«

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Zweihänder der Paladine
Murdra musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen und spielte nachdenklich mit der Spucke in ihrem Mund. »Hast du Geld?« fragte sie voll Argwohn. Ein mattes Lächeln umspielte den Mund des Fremden. Er nickte. »Lass sehen«, knurrte Murdra. Der Fremde zog eine Geldkatze unter der Kutte hervor, ließ sie am Lederbändel hin und her baumeln. Viel hat er nicht, urteilte Murdra mit einem düsteren Blick auf die Geldkatze, die nicht gerade prall gefüllt war, aber sie konnte einige Münzen hören, die verführerisch hinter dem Leder klimperten.

»Du kannst im Stall schlafen«, entschied sie. »Aber Essen gibt’s keins mehr, nur Wasser.«

Der Fremde nickte ergeben mit dem Kopf. »Wasser wäre gut«, sagte er.

In ihrem Rücken hörte Murdra das Holzbein ihres Mannes über den Steinboden klappern. »Sei nicht so hart, Murdra«, sagte Belgor. »Wir haben selbst noch nichts gegessen, und er ist platschnass vom Regen. Lass ihn eine Weile bei uns am Kamin sitzen. Das macht ja kaum Arbeit.« Murdra knurrte widerwillig. Der Fremde schaute sie abwartend mit seinen traurigen Augen an. Murdra stieß einen Seufzer aus und zuckte mit den Schultern. Belgor lächelte zufrieden. »Ich bin Belgor«, sagte er. »Und das hier ist meine Frau, Murdra.«

»Leboras«, sagte der Fremde, dann folgte er Belgor zu dem Tisch, der am Kamin stand.

Murdra stapfte in ihre Küche. »Ist auch noch ein Met für mich drin?« hörte sie Elgan fragen, der ganz in der Nähe saß. Er lächelte ihr aus einer dichten Wolke Pfeifenrauch entgegen. »Aber nur eins«, knurrte Murdra nach kurzem Schweigen. Das war ein Fehler, sie erkannte es sofort. Die Männer, die noch verstreut im Schankraum gesessen hatten, erhoben sich grinsend von ihren Stühlen und gingen neugierig zu Belgor und dem Fremden hinüber.

»Wir brauchen sieben Met«, rief Elgan und gesellte sich kichernd zu den anderen.

»Kaum Arbeit«, knurrte Murdra und stemmte die Hände in den Rücken. »Von wegen!« Sieben Met ... und essen werden sie auch wollen. Sie kramte Schinken, Hartkäse und einen Laib Brot aus dem Küchenschrank und legte es auf die Anrichte.

»Du bist nicht von hier«, sagte Belgor, während Murdra das Essen auf einer Platte anrichtete. Leboras schüttelte schweigend den Kopf. »Von wo bist du?«

»Myrtana«, antwortete Leboras. »Aus der Nähe von Faring.«

»Donnerwetter!« keuchte Elgan und hustete Pfeifenrauch. »Vom Festland also.« Leboras nickte. »Was hat dich auf unsere Insel verschlagen?« Die Männer am Tisch schauten gespannt auf den Fremden, doch Leboras schwieg.

»Du hast recht«, sagte Elgan nach einem kurzen Moment der Stille. »Mit trockener Kehle erzählt es sich schlecht.« Er schaute zu Murdra auf, die die Platte mit dem Essen auf den Tisch wuchtete. »Was ist mit dem Met?« fragte er grinsend.

»Grins‘ weiter, und es ist Essig mit dem Met«, fauchte Murdra und stapfte zurück zu ihrer Anrichte. Elgan lachte vergnügt hinter ihr her. »Jetzt sag schon«, drängt er. »Was hat dich hierher verschlagen?«

Leboras zögerte. »Das Schicksal«, wisperte er. Elgan nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Es ist immer das Schicksal«, sagte er und ließ den Pfeifenrauch genüsslich aus seinen Nasenlöchern quellen. »Die Frage ist nur: welches?« Seine Augen funkelten vor Neugier.

»Du musst Elgan entschuldigen«, mischte sich Belgor ein. »Jede Neuigkeit aus Myrtana ist bares Geld wert, für ihn. Er ist nämlich ein Händler und handelt mit dem Kontinent.«

»Und ein schlechter Geschichtenerzähler ist er obendrein«, fügte Grengar, der Holzfäller, hinzu. Die Männer am Tisch prusteten vor Lachen, nur Elgan nicht. »Lacht nur«, sagte er verdrossen. »Ohne mich wüsstet ihr nicht einmal von Rhobar III und seiner Krönung!«

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Der Thron von Rhobar III
»Wer sagt uns denn, dass die Krönung keine deiner Lügengeschichten ist?« fragte Murdra bissig und ließ den Becher vor Elgan auf die Tischplatte krachen, dass der Met über den Becherrand schwappte. »Ja, wer sagt uns das?« rief Grengar, während die anderen am Tisch immer noch lachten.

»Ich«, sagte Leboras leise von seinem Platz am Kamin aus. Das Lachen verstummte. Alle Blicke wandten sich in seine Richtung. »Ich war dabei.«

Elgan verschränkte die Arme hinter dem Kopf und genoss seinen Triumph. »Es war an einem sonnigen Tag«, sagte er. »Das myrtanische Heer hatte sich vor den Toren von Vengard versammelt. Die Rüstungen der Paladine glänzten in der Sonne. Rhobar III stand auf einem kleinen Hügel vor der Stadt. Dort reichte ihm der oberste Feuermagier die Krone. Rhobar nahm sie entgegen und setzte sie sich selbst aufs Haupt. Im Himmel über ihm, kreiste ein Adler.«

Leboras nickte. »Es war sonderbar«, sagte er. »Kaum war Rhobar gekrönt, glitt der Adler zu ihm hinab und ließ sich auf seiner Schuler nieder. Es war ... wie ein Zeichen. Alle riefen Rhobars Namen – Krieger, Paladine, Magier und auch das einfach Volk.«

»Weißt du noch mehr über den Krieg?« fragte Grengar mit leuchtenden Augen.

Leboras schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe Myrtana verlassen, noch am selben Tag.«

»Rhobar III hat Nordmar befriedet«, sagte Elgan. »Er schmiedet einen neuen Pakt zwischen den Clans des Nordens, bei dem jeder der Clanführer sein Gesicht wahren kann und will ein Bürge für ihren Frieden sein. Derweil hat er Heerführer Lee nach Süden entsandt, um einen Feldzug vorzubereiten, gegen Varant.«

»Er kommt näher«, warf Belgor besorgt ein. Elgan zog nachdenklich an seiner Pfeife. »Wer weiß«, sagte er. »Vielleicht bringt sein Feldzug dem alten Midland tatsächlich einen stabilen Frieden, wie die Leute auf dem Kontinent glauben.«

Wieder schüttelte Leboras traurig den Kopf. »Krieg führt zu Leid und Schuld und neuem Leid. Nicht zu Frieden«, erwiderte er mit seiner leisen Stimme.

»Soll er nur kommen!« rief Grengar. »Wir werden ihm einen blutigen Empfang bereiten und ihn ins Meer zurückwerfen!«

»Du redest leichtfertig über den Krieg«, sagte Leboras.

»Warum?« fragte Grengar. »Wir haben die myrtanischen Hurensöhne schon einmal von unserer Insel vertrieben!«

»Ihr?«

»Ethorn und seine Krieger«, sagte Grengar. »In der Schlacht vom Bluttal.«

»Warst du dabei?«

Grengar schüttelte den Kopf. »Ich bin ein Holzfäller, kein Krieger. Aber eines sage ich dir: Wenn Rhobar III jemals seinen Fuß auf Argaan setzt, werde ich meine Axt ergreifen und an Ethorns Seite in die Schlacht ziehen!«

Leboras‘ Blick verfinsterte sich. »Du weißt nicht, wovon du sprichst«, sagte er mit leiser Stimme. Grengar lachte. »Wir werden den myrtanischen Hurensöhnen den Kopf waschen, wenn sie unsere Insel betreten. Abschlachten werden wir sie, zu Hunderten, das weiß ich!«

Leboras‘ Blick wurde noch finsterer. Dann war er auf den Beinen, ganz unvermittelt, und seine Hand schnellte nach vorn. In einer einzigen, schnellen Bewegung packte er den Holzfäller am Kragen, riss ihn vom Stuhl und schmetterte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Grengar riss die Augen weit auf, vor Schreck und Angst. Er wollte die Arme heben, aber seine Bewegung war zu schwach – und zu langsam. Mit einem dumpfen Schlag krachte Leboras‘ Stirn gegen Grengars Nase. Die Arme des Holzfällers sanken kraftlos zurück an die Wand.

Leboras verharrte ganz dicht vor Grengars Gesicht. Die Adern an seiner Stirn pulsierten. Er würgte Grengar nicht, aber seine Faust lag so schwer auf der Brust des Holzfällers und presste ihn so kraftvoll gegen die Wand, dass Grengar hustete und nach Atem rang. Es war der Griff eines Kriegers.

»Du weißt nicht, wovon du sprichst«, sagte Leboras leise, aber mit einem grimmigen Knurren in der Stimme.

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Standarte von
Rhobar III
Dann war Elgan hinter ihm, zerrte an Leboras Ärmel, um ihn von Grengar zu trennen. Leboras bewegte sich nicht. Mit einem kräftigen Ruck befreite er seinen Arm aus Elgans Griff. Der Ärmel riss von der Kutte, entblößte Lebroas‘ muskulösen Arm. Dann konnte Murdra die Tätowierung auf Leboras‘ Oberarm sehen. Sie war zum Teil von roten, fleischigen Narben bedeckt. Es sah so aus, als hätte Leboras versucht, sich die Tätowierung mit dem Messer aus dem Fleisch zu schneiden, aber die Symbole waren noch immer schwach zu sehen. Murdra glaubte, Flügel zu erkennen, und eine Sonne – und unter der Sonne, umrahmt von den Flügeln, ein paar Sterne.

Elgan starrte seinerseits auf die Tätowierung. »Du ... du bist ein Paladin«, sagte er.

Leboras schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Dann öffnete sich die Faust, mit der er Grengar gegen die Wand presste, und er gab den Holzfäller frei. Grengars Nasenbein war zur Seite verschoben, die Haut bereits blau und geschwollen. Ein dichter Blutstrom rann ihm über den Mund und das Kinn. Der Holzfäller sank schlaff an der Wand entlang zu Boden.

Als Leboras sich zu Elgan umdrehte, war die Wut aus seinen Augen gewichen. Er schaute Elgan mit traurigen Augen an. »Ich war ein Paladin«, hauchte er. »Jetzt bin ich nur noch Leboras, und die Tätowierung auf meinem Arm ... Sie brennt mir auf der Haut wie die Schuld auf meiner Seele.« Er nahm seinen Beutel und seinen Wanderstab von der Bank am Kamin, dann ging er ohne ein weiteres Wort zur Eingangstür und hinaus auf den Hof – ob in den Stall oder zurück auf die Straße, konnte Murdra nicht sagen.

von Hans-Jörg Knabel und
Andre Bixenmann (aka Hârkon)

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