Es war schon spät, kurz nach Mitternacht. Die meisten Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Nur ein paar wenige Trinker saßen noch bei ihrem letzten Met. Murdra schnaubte gequält, als sich die Eingangstür der Taverne knarrend öffnete. Auch das noch, dachte sie. Ihr Rücken schmerzte und ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Nichts kam ihr ungelegener als ein später Gast.
![]() |
| Gewebtes Banner von Rhobar III |
Der Mann, der den Schankraum betrat, trug eine lange, zerschlissene Kutte aus schlichtem, braunem Leinen. Er hatte einen grob geschnitzten Wanderstab in der Hand und einen vergilbten Lederrucksack auf dem Rücken. Eine löchrige Kapuze verbarg sein Gesicht. »Pah«, zischte Murdra. Geld hat der keins! Sie knüllte das Küchentuch zusammen und warf es auf die Anrichte. Dann stapfte sie aus der Küche.
»Nichts da!« rief sie, während sie auf den Neuankömmling zuhielt, und schüttelte entschieden den Kopf. »Wir haben geschlossen!«
Der Fremde blieb vor der offenen Tür stehen. Wasser tropfte ihm von der Kutte, bildete eine Lache um seine klobigen Stiefel. Hinter ihm prasselte der Regen aufs Vordach. Der Mann hob die linke Hand, die von einem schmutzigen Verband umwickelt war, und schob sich die Kapuze vom Kopf. Er hatte kurzes, dunkelbraunes Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war und im Fackelschein fettig glänzte. Dichte Bartstoppeln bedeckten seine Wangen und sein Kinn. Er schaute Murdra traurig an.
»Ich will dir keine Umstände bereiten«, sagte der Fremde mit leiser Stimme. »Nur um ein Bett für die Nacht wollte ich bitten – oder um einen Platz in deinem Stall.«
Murdra musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen und spielte nachdenklich mit der Spucke in ihrem Mund.
»Hast du Geld?« fragte sie voll Argwohn. Ein mattes Lächeln umspielte
den Mund des Fremden. Er nickte. »Lass sehen«, knurrte Murdra. Der
Fremde zog eine Geldkatze unter der Kutte hervor, ließ sie am
Lederbändel hin und her baumeln. Viel hat er nicht,
urteilte Murdra mit einem düsteren Blick auf die Geldkatze, die nicht
gerade prall gefüllt war, aber sie konnte einige Münzen hören, die
verführerisch hinter dem Leder klimperten.

Zweihänder der Paladine
»Du kannst im Stall schlafen«, entschied sie. »Aber Essen gibt’s keins mehr, nur Wasser.« Der Fremde nickte ergeben mit dem Kopf. »Wasser wäre gut«, sagte er. In
ihrem Rücken hörte Murdra das Holzbein ihres Mannes über den Steinboden
klappern. »Sei nicht so hart, Murdra«, sagte Belgor. »Wir haben selbst
noch nichts gegessen, und er ist platschnass vom Regen. Lass ihn eine
Weile bei uns am Kamin sitzen. Das macht ja kaum Arbeit.« Murdra
knurrte widerwillig. Der Fremde schaute sie abwartend mit seinen
traurigen Augen an. Murdra stieß einen Seufzer aus und zuckte mit den
Schultern. Belgor lächelte zufrieden. »Ich bin Belgor«, sagte er. »Und
das hier ist meine Frau, Murdra.« »Leboras«, sagte der Fremde, dann folgte er Belgor zu dem Tisch, der am Kamin stand. Murdra
stapfte in ihre Küche. »Ist auch noch ein Met für mich drin?« hörte sie
Elgan fragen, der ganz in der Nähe saß. Er lächelte ihr aus einer
dichten Wolke Pfeifenrauch entgegen. »Aber nur eins«, knurrte Murdra
nach kurzem Schweigen. Das war ein Fehler, sie erkannte es sofort. Die
Männer, die noch verstreut im Schankraum gesessen hatten, erhoben sich
grinsend von ihren Stühlen und gingen neugierig zu Belgor und dem
Fremden hinüber. »Wir brauchen sieben Met«, rief Elgan und gesellte sich kichernd zu den anderen. »Kaum Arbeit«, knurrte Murdra und stemmte die Hände in den Rücken. »Von wegen!« Sieben Met ... und essen werden sie auch wollen. Sie kramte Schinken, Hartkäse und einen Laib Brot aus dem Küchenschrank und legte es auf die Anrichte. »Du
bist nicht von hier«, sagte Belgor, während Murdra das Essen auf einer
Platte anrichtete. Leboras schüttelte schweigend den Kopf. »Von wo bist
du?« »Myrtana«, antwortete Leboras. »Aus der Nähe von Faring.« »Donnerwetter!«
keuchte Elgan und hustete Pfeifenrauch. »Vom Festland also.« Leboras
nickte. »Was hat dich auf unsere Insel verschlagen?« Die Männer am
Tisch schauten gespannt auf den Fremden, doch Leboras schwieg. »Du
hast recht«, sagte Elgan nach einem kurzen Moment der Stille. »Mit
trockener Kehle erzählt es sich schlecht.« Er schaute zu Murdra auf,
die die Platte mit dem Essen auf den Tisch wuchtete. »Was ist mit dem
Met?« fragte er grinsend. »Grins‘
weiter, und es ist Essig mit dem Met«, fauchte Murdra und stapfte
zurück zu ihrer Anrichte. Elgan lachte vergnügt hinter ihr her. »Jetzt
sag schon«, drängt er. »Was hat dich hierher verschlagen?« Leboras
zögerte. »Das Schicksal«, wisperte er. Elgan nahm einen tiefen Zug aus
seiner Pfeife und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Es ist immer das
Schicksal«, sagte er und ließ den Pfeifenrauch genüsslich aus seinen
Nasenlöchern quellen. »Die Frage ist nur: welches?« Seine Augen
funkelten vor Neugier. »Du
musst Elgan entschuldigen«, mischte sich Belgor ein. »Jede Neuigkeit
aus Myrtana ist bares Geld wert, für ihn. Er ist nämlich ein Händler
und handelt mit dem Kontinent.« »Und
ein schlechter Geschichtenerzähler ist er obendrein«, fügte Grengar,
der Holzfäller, hinzu. Die Männer am Tisch prusteten vor Lachen, nur
Elgan nicht. »Lacht nur«, sagte er verdrossen. »Ohne mich wüsstet ihr
nicht einmal von Rhobar III und seiner Krönung!«
»Ich«,
sagte Leboras leise von seinem Platz am Kamin aus. Das Lachen
verstummte. Alle Blicke wandten sich in seine Richtung. »Ich war dabei.« Elgan
verschränkte die Arme hinter dem Kopf und genoss seinen Triumph. »Es
war an einem sonnigen Tag«, sagte er. »Das myrtanische Heer hatte sich
vor den Toren von Vengard versammelt. Die Rüstungen der Paladine
glänzten in der Sonne. Rhobar III stand auf einem kleinen Hügel vor der
Stadt. Dort reichte ihm der oberste Feuermagier die Krone. Rhobar nahm
sie entgegen und setzte sie sich selbst aufs Haupt. Im Himmel über ihm,
kreiste ein Adler.« Leboras
nickte. »Es war sonderbar«, sagte er. »Kaum war Rhobar gekrönt, glitt
der Adler zu ihm hinab und ließ sich auf seiner Schuler nieder. Es war
... wie ein Zeichen. Alle riefen Rhobars Namen – Krieger, Paladine,
Magier und auch das einfach Volk.« »Weißt du noch mehr über den Krieg?« fragte Grengar mit leuchtenden Augen. Leboras schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe Myrtana verlassen, noch am selben Tag.« »Rhobar
III hat Nordmar befriedet«, sagte Elgan. »Er schmiedet einen neuen Pakt
zwischen den Clans des Nordens, bei dem jeder der Clanführer sein
Gesicht wahren kann und will ein Bürge für ihren Frieden sein. Derweil
hat er Heerführer Lee nach Süden entsandt, um einen Feldzug
vorzubereiten, gegen Varant.« »Er
kommt näher«, warf Belgor besorgt ein. Elgan zog nachdenklich an seiner
Pfeife. »Wer weiß«, sagte er. »Vielleicht bringt sein Feldzug dem alten
Midland tatsächlich einen stabilen Frieden, wie die Leute auf dem
Kontinent glauben.« Wieder
schüttelte Leboras traurig den Kopf. »Krieg führt zu Leid und Schuld
und neuem Leid. Nicht zu Frieden«, erwiderte er mit seiner leisen
Stimme. »Soll er nur kommen!« rief Grengar. »Wir werden ihm einen blutigen Empfang bereiten und ihn ins Meer zurückwerfen!« »Du redest leichtfertig über den Krieg«, sagte Leboras. »Warum?« fragte Grengar. »Wir haben die myrtanischen Hurensöhne schon einmal von unserer Insel vertrieben!« »Ihr?« »Ethorn und seine Krieger«, sagte Grengar. »In der Schlacht vom Bluttal.« »Warst du dabei?« Grengar
schüttelte den Kopf. »Ich bin ein Holzfäller, kein Krieger. Aber eines
sage ich dir: Wenn Rhobar III jemals seinen Fuß auf Argaan setzt, werde
ich meine Axt ergreifen und an Ethorns Seite in die Schlacht ziehen!« Leboras‘
Blick verfinsterte sich. »Du weißt nicht, wovon du sprichst«, sagte er
mit leiser Stimme. Grengar lachte. »Wir werden den myrtanischen
Hurensöhnen den Kopf waschen, wenn sie unsere Insel betreten.
Abschlachten werden wir sie, zu Hunderten, das weiß ich!« Leboras‘
Blick wurde noch finsterer. Dann war er auf den Beinen, ganz
unvermittelt, und seine Hand schnellte nach vorn. In einer einzigen,
schnellen Bewegung packte er den Holzfäller am Kragen, riss ihn vom
Stuhl und schmetterte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Grengar riss
die Augen weit auf, vor Schreck und Angst. Er wollte die Arme heben,
aber seine Bewegung war zu schwach – und zu langsam. Mit einem dumpfen
Schlag krachte Leboras‘ Stirn gegen Grengars Nase. Die Arme des
Holzfällers sanken kraftlos zurück an die Wand. Leboras
verharrte ganz dicht vor Grengars Gesicht. Die Adern an seiner Stirn
pulsierten. Er würgte Grengar nicht, aber seine Faust lag so schwer auf
der Brust des Holzfällers und presste ihn so kraftvoll gegen die Wand,
dass Grengar hustete und nach Atem rang. Es war der Griff eines
Kriegers. »Du weißt nicht, wovon du sprichst«, sagte Leboras leise, aber mit einem grimmigen Knurren in der Stimme.
Elgan starrte seinerseits auf die Tätowierung. »Du ... du bist ein Paladin«, sagte er. Leboras
schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Dann öffnete sich die
Faust, mit der er Grengar gegen die Wand presste, und er gab den
Holzfäller frei. Grengars Nasenbein war zur Seite verschoben, die Haut
bereits blau und geschwollen. Ein dichter Blutstrom rann ihm über den
Mund und das Kinn. Der Holzfäller sank schlaff an der Wand entlang zu
Boden. Als Leboras sich
zu Elgan umdrehte, war die Wut aus seinen Augen gewichen. Er schaute
Elgan mit traurigen Augen an. »Ich war ein Paladin«, hauchte er. »Jetzt
bin ich nur noch Leboras, und die Tätowierung auf meinem Arm ... Sie
brennt mir auf der Haut wie die Schuld auf meiner Seele.« Er nahm
seinen Beutel und seinen Wanderstab von der Bank am Kamin, dann ging er
ohne ein weiteres Wort zur Eingangstür und hinaus auf den Hof – ob in
den Stall oder zurück auf die Straße, konnte Murdra nicht sagen.
»Wer
sagt uns denn, dass die Krönung keine deiner Lügengeschichten ist?«
fragte Murdra bissig und ließ den Becher vor Elgan auf die Tischplatte
krachen, dass der Met über den Becherrand schwappte. »Ja, wer sagt uns
das?« rief Grengar, während die anderen am Tisch immer noch lachten.

Der Thron von Rhobar III
Dann
war Elgan hinter ihm, zerrte an Leboras Ärmel, um ihn von Grengar zu
trennen. Leboras bewegte sich nicht. Mit einem kräftigen Ruck befreite
er seinen Arm aus Elgans Griff. Der Ärmel riss von der Kutte, entblößte
Lebroas‘ muskulösen Arm. Dann konnte Murdra die Tätowierung auf
Leboras‘ Oberarm sehen. Sie war zum Teil von roten, fleischigen Narben
bedeckt. Es sah so aus, als hätte Leboras versucht, sich die
Tätowierung mit dem Messer aus dem Fleisch zu schneiden, aber die
Symbole waren noch immer schwach zu sehen. Murdra glaubte, Flügel zu
erkennen, und eine Sonne – und unter der Sonne, umrahmt von den
Flügeln, ein paar Sterne.

Standarte von
Rhobar III
von Hans-Jörg Knabel und
Andre Bixenmann (aka Hârkon)









