#6 Der hölzerne Wirt
Tock.

Holz klopfte auf Stein.

Tock
. Tock. Tock.

Murdra löste ihren Blick von der Suppenschüssel, schaute zu Belgor rüber, der auf den Tisch mit Feren und den Waldläufern zuhumpelte. Geht schon viel sicherer, mit dem neuen Bein, dachte sie. Die Krücken standen nun schon seit fast zwei Wochen ungenutzt neben der Anrichte. Belgor rang noch immer mit dem Gleichgewicht und taumelte bei jedem Schritt, aber das Holzbein rutschte ihm nicht mehr ständig zur Seite weg und er fiel nur noch selten der Länge nach auf den Boden.
Craglan nickte ihm anerkennend zu und rückte ihm einen Stuhl zurecht. Mit einem leisen Stöhnen ließ Belgor sich neben dem Großmeister der Waldläufergilde nieder und schob das Holzbein mit den Händen unter den Tisch.
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Zwei unterschiedliche Rüstungsskizzen für Paladine, die das Heer von Rhobar III begleiten.
»Ah, der hölzerne Wirt«, sagte Feren überaus spöttisch.
Belgor ignorierte ihn. Seit jener Nacht, in der er – nur mit einer Fackel und einer Mistgabel bewaffnet – gegen den Schattenläufer angerannt war, schimpften ihn viele der Gäste einen Krüppel, einen halben Mann, der als Wirt kaum mehr tauge. Feren war also nicht der einzige Lästerer, aber er war von allen der übelste. Er hatte für Belgor schon viele Spottnamen gefunden, nannte ihn nicht nur »den hölzernen Wirt«, sondern auch »den einbeinigen Narren« und »den Mann mit dem Mistgabelbein«.
Rauswerfen sollte man ihn, dachte Murdra. Für sie war Belgor erst jetzt ein ganzer Mann. Hatte er sich doch als Held erwiesen. Das Holzbein war in ihren Augen kein Makel. Es war das Zeichen seines Mutes, eine hölzerne Auszeichnung, die der König selbst hatte schnitzen lassen, aus Dankbarkeit, eigens für ihren Mann. Murdra ließ ihre Spucke stolz von einer Backe zur anderen gleiten, dann schöpfte sie eine letzte Kelle Eintopf aus der Suppenschüssel, füllte sie in die Holzschale, die sie für Belgor bereitgestellt hatte, und nahm die Schale von der Anrichte. Auf dem Weg aus der Küche griff Murdra mit der freien Hand nach ihrem Besen und stapfte zu Belgor hinüber.

»Worüber redet ihr?« fragte Belgor, als Murdra die Schale mit dem Eintopf vor ihm auf den Tisch stellte.
»Dies und das«, sagte Feren gelangweilt und spielte mit den Ringen an seiner Hand. »Nichts, was einen Krüppel besonders interessieren würde.«
»Pah!«entfuhr es Murdra, und sie begann zornig damit, das feuchte Stroh neben dem Tisch zusammenzufegen.
Craglan musterte Feren mit stechenden Augen. »Über den neuen König«, sagte er zu Belgor, »drüben, auf dem Kontinent.«
»Rhobar III, soll er sich nennen«, sagte Ricklen. »Kein sehr einfallsreicher Name, wenn ihr mich fragt.«
»Da hast du allerdings Recht«, stimmte ihm Feren zu.
»Ich weiß nicht«, sagte Craglan nachdenklich. »Könige wählen ihre Namen mit Bedacht. Und, wie man hört, nennt er sich nicht einfach nur König von Myrtana, sondern König von Midland. Glaubt mir, Freunde, da kommt Ärger auf uns zu, denn eines scheint mir bei dem Namen klar: Er will das alte Königreich von Rhobar II wiedervereinen. Und die Südlichen Inseln, vergesst das nicht, waren Teil dieses Reichs.«
»Nach allem, was man hört«, warf Jilvie ein, »ist er zwei Schritt groß und führt seinen Zweihänder mit nur einer Hand.«
»Ja«, sagte Ricklen. »Und er soll jeden, der ihm in die Quere kommt, zum Zweikampf herausfordern. Ein einfacher Hüne ist er, keine Bedrohung. Irgendeiner wird ihn fällen, bevor er seinen Fuß auf den Boden unserer Insel setzt.«
»Ob er ein Hüne ist, kann ich nicht sagen, aber ich habe ganz andere Dinge gehört«, warf Craglan ein. »Besonnen soll er sein und ein guter Stratege. Und ein Meister des Schwertkampfs obendrein. Außerdem soll er das Volk hinter sich haben, denn er hat den Menschen Myrtanas einen stabilen Frieden versprochen.«
»Wir haben hier unseren eigenen Frieden«, sagte Jilvie. »Wir brauchen keinen König von Midland!«
»Wir nicht«, stimmte Craglan ihr zu, »aber auf dem Kontinent sieht es ganz anders aus. Dort werden viele Schlachten geschlagen.«
»Was sagt ihr zu der Geschichte mit dem Adler, der seinen Heerzug begleiten soll?« fragte Ricklen.
»Jedenfalls hat Rhobar III den Adler als Wappentier gewählt«, sagte Feren. »Und sein Kampf gegen die Orks stand unter einem guten Stern. Geschlagen hat er sie, in Myrtana, und wie es heißt, ist Thorus mit einem Schiff und einer Handvoll Orks vom Kontinent geflohen.«
»Nach Torgaan wird er segeln «, warf Jilvie ein.
»Na, hoffentlich kommt er nicht zu uns«, sagte Belgor. »Wir können hier keine kriegerischen Orks gebrauchen.«
»Ich sag‘ es dir ganz ehrlich, Belgor«, hob Feren grinsend an. »Um kriegerische Orks würde ich mir, an deiner Stelle keine Sorgen machen. Für dich ist schon ein kleiner Hirtenjunge Bedrohung genug, mit deinem Mistgabelbein.«

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Wappenschild mit Adler, dem Zeichen Rhobar III.

Betretenes Schweigen legte sich über den Tisch. Die Waldläufer wechselten verlegene Blicke. Das Schwein, dachte Murdra, da platzte es aus Belgor heraus. »Wenn du Ärger willst, Feren, kannst du ihn haben!« donnerte er und ließ seine Faust auf die Tischplatte krachen, dass der Eintopf über den Schalenrand schwappte. Er wollte aufstehen, aber Craglan hielt ihn mit der Hand zurück.
»Nicht«, raunte der Waldläufer.
Belgor schob Craglans Hand beiseite und erhob sich von seinem Stuhl. »Ja«, brüllte er den jungen Händler an. »Ich hab‘ nur noch ein Bein! Das sieht selbst ein Molerat. Aber ein Bein reicht, um dich aus meiner Taverne zu werfen!« Er schob sich die Hemdsärmel hoch und humpelte um den Tisch herum, auf Feren zu.
»Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht«, sagte Feren gelassen und stand seinerseits auf.
»Warte, Belgor«, sagte Craglan. »Ich werf‘ ihn für dich raus.«
»Du bleibst sitzen!« donnerte Belgor mit tiefer, dröhnender Stimme. Sein Holzbein stand fest auf dem Steinboden, so fest, als wäre es ein Baum. Feren grinste. Belgor zögerte nicht lange. Er schlug zu, mit seiner rechten Faust. Feren machte einen kleinen Schritt zurück. Der Schlag ging ins Leere. Belgor stakte mit dem Holzbein voran. Das falsche Bein rutschte zur Seite weg, wurde von einer Fuge zwischen zwei Pflastersteinen aufgehalten. Belgor taumelte, blieb aber stehen. Wieder schlug er zu, diesmal mit der linken Faust. Feren blockierte den Schlag lässig mit dem Unterarm, machte einen schnellen Schritt an Belgor vorbei und trat zu. Der Tritt traf das Holzbein, riss es mit voller Wucht nach hinten. Belgor stürzte. Krachend schlug sein Gesicht auf die harten Pflastersteine, die den Boden des Schankraums bedeckten.

Murdras Held war geschlagen. Jetzt reicht’s, dachte sie, den Besen mit beiden Händen fest umklammert. »Raus!« zischte sie bedrohlich in Ferens Gesicht. »Du hast Hausverbot!«
»Denk nach, Murdra«, sagte der junge Händler und lachte. »Willst du wirklich auf mein Gold verzichten?«
Murdra wollte. Sie stach mit dem Besen zu. Lange Birkenruten schrammten über Ferens Gesicht, über seinen Mund und seine Augen. Das Lachen verstummte. Feren stolperte erstaunt nach hinten.
»Nein. Ich … ich werf‘ ihn raus«, sagte Belgor benommen und versuchte, sich vom Boden aufzurappeln.
Murdra hörte ihn, aber sie konnte nicht warten. Ihre Wut war zu groß. Sie schlug mit dem Besen zu, von links, von rechts. Feren wich zurück, versuchte, ihre Schläge mit den Armen abzuwehren, aber Murdra drängte voran, fast wie der König in seinem Kampf gegen den Schattenläufer, nur eben mit Besen und Schürze statt mit Streitkolben und Plattenrüstung. Dann durchbrach Murdras Schlag die Deckung des Händlers. Die elastischen Birkenruten ihres Besens peitschten quer über Ferens Gesicht, hinterließen blutige Striemen auf seiner Wange und seiner Stirn. Feren jammerte vor Schmerz. Er drehte sich um und floh, in Richtung der Türe. Murdra ließ nicht locker. Sie stürmte hinter ihm her, mit ihrem Besen. Kurz vor der Tür geriet Feren ins Straucheln, konnte sich aber mit beiden Händen am Türrahmen festhalten. Wieder stach Murdra zu, diesmal mit dem Stiel ihres Besens. Feren taumelte aus der Tür. Als er die Stufe zum Hof erreichte, trat sein Fuß ins Leere. Feren fiel der Länge nach in den Staub. Jammernd blieb er auf dem Hof liegen und rieb sich den Knöchel.
»Du hast Hausverbot!« rief Murdra ihm zu. »Für immer!« Dann warf sie krachend die Tür ins Schloss.
Als sie sich umdrehte, half Craglan Belgor vom Boden auf. »Mach dir nichts draus«, sagte der Waldläufer mit einem aufmunternden Lächeln. »Nicht alle denken so.«
Belgor schnaubte nur. Die Haut über seinem Backenknochen war blau und geschwollen. Er schaute weder Craglan noch Murdra in die Augen und stapfte mit hängenden Schultern zur Treppe. Sein Holzbein klopfte auf den Steinboden.

Tock
. Tock. Tock.

Murdra schaute ihm nach, den Besen immer noch mit beiden Händen fest umklammert. Belgor humpelte die Treppe hoch, verschwand aus ihrem Blick, aber sie hörte den Takt des falschen Beins noch immer auf dem Holzboden der Empore.

Tock
. Tock. Tock.

Dann wurde die Tür zum Wirtszimmer leise geschlossen.

Tock
. Tock.

Etwas Feuchtes rann Murdra über die Wange. Es war lange her, dass sie dergleichen zuletzt gespürt hatte.

Tock
.

»Da kann man nichts machen«, sagte Murdra unbestimmt zu Craglan, dann wischte sie sich mit dem Ärmel über die Wange.

Von Hans-Jörg Knabel

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