Der Knoten war schnell geknüpft, dann hingen die Hühner am Dach des
Bretterverschlags. Murdra leerte den Eimer mit dem Blut und den Köpfen
über den Lattenzaun, nahm das Fleischermesser vom Fass und wischte die
Klinge an ihrer Schürze ab. In ihrem Rücken hörte sie das Tor zum
Weinkeller ins Schloss fallen. Verfluchter Knecht, dachte Murdra. Macht einfach das Tor zu! Sie stellte den Milchkrug in den Eimer, packte den Henkel und stapfte zornig über den Hof.
Als sie das Tor zum Weinkeller gerade erreicht hatte, hörte Murdra ein leises Scharren links neben dem Haus. Aha, dachte sie. Drückt er sich wieder!
Sie spähte um die Hausecke, fest entschlossen, den Knecht an den Haaren
zurück in den Schankraum zu zerren – aber der Knecht war nirgends zu
sehen. Statt dessen sah Murdra einen der Gäste neben dem Fenster des
Weinkellers liegen. Er war in einen schwarzen Kapuzenumhang gehüllt und
stank nach Met.
»Schläft einfach im Hof, statt ein Zimmer zu mieten«, wetterte Murdra. Wach schlitzen sollte man ihn, dachte sie mit einem finsteren Blick auf das Fleischermesser. Oder wach treten! Aber sie tat nichts dergleichen.
Wozu hat man einen Mann? Soll der sich drum kümmern!

Das Bild zeigt einen Reisenden bei seiner Ankunft an der „Gespaltenen Jungfrau“. Das Artwork vermittelt einen Eindruck von Regen und Sturm in einer unfreundlichen Nacht auf den Südlichen Inseln.
Murdra ging zurück zum Tor, stellte den Eimer auf den Boden und ließ
die Messerklinge in den schmalen Spalt zwischen Milchkrug und Eimerrand
gleiten. Dann zog sie das schwere Eichentor mit beiden Händen auf. »Der
Kerl wird schon sehen, was der Mann mit ihm macht«, murmelte Murdra vor
sich hin und stapfte in den Weinkeller. Nach ein paar Schritten blieb
sie unvermittelt stehen. Nicht, dass er noch aufwacht und die Milch säuft, überlegte sie. Erst die Milch, dann der Mann, beschloss Murdra und drehte sich um.
Dann schlug ihr das Herz bis zum Hals.
Murdra sah nur ein braunes Lederwams und Hände, die nach ihr griffen. Innos hilf, dachte sie und schrie, aber eine kräftige Hand legte sich auf ihren Mund und erstickte den Schrei.
»Sch!« zischte der Angreifer. Er schaute nervös zum halb geöffneten
Tor, dann zurück zu Murdra. Jetzt erkannte sie ihn. Es war Gonter, der
Jäger vom Bluttal.
Murdras Angst wich der Wut. »Weg mit der Hand!« murmelte sie, so
deutlich sie konnte. Gonter ließ die Hand, wo sie war. »Du wirst doch
nicht schreien?« fragte er misstrauisch. Das muss er schon selbst wissen,
dachte Murdra und antwortete mit einem bösen Schnauben. Gonter zögerte.
»Ich muss mit dir reden – allein«, sagte er, dann nahm er vorsichtig
die Hand von Murdras Mund.
Murdra dankte ihm mit einer schallenden Ohrfeige. »Ich sag’s immer:
Keiner geht in den Weinkeller!« fauchte sie herrisch. Gonter rieb sich
die Wange. Am liebsten hätte Murdra ihn sofort rausgeworfen, aber
neugierig war sie schon. »Was willst du?« fragte sie und verschränkte
die Arme vor der Brust.
»Ich wollte dich um einen Gefallen bitten – dich und deine Freunde von der Händlergilde.«
Murdra verzog angewidert das Gesicht. »Gefallen gibt’s nicht«, sagte sie. »Alles kostet!«
»Schon gut«, lenkte Gonter ein, »Vergiss den Gefallen. Sagen wir: um einen Dienst.«
»Aha!« sagte Murdra. »Klingt besser.«
»Hast du von Ethorn gehört?« fragte Gonter.
»Der hohe Herr«, antwortete Murdra und nickte eifrig mit dem Kopf.
»Dann bist du auch für den Krieg?«
»Krieg?«, fragte Murdra erschrocken. »Keiner will Krieg!«
»Wenn man den Gesprächen in deiner Schankstube lauscht, hört sich das
aber ganz anders an«, erwiderte Gonter. »Jeder einzelne da drinnen will
den Krieg«, fügte er hinzu und deutete mit seiner Hand auf die Tür, die
den Weinkeller von der Schankstube trennte.
Dummköpfe, allesamt, dachte Murdra. Wenn der Met aus ist, weil sich die hohen Herren streiten, wird gejammert! Aber zu Gonter sagte sie nichts davon. »Wo ist jetzt der Dienst?« fragte sie statt dessen.
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| Zwei frühe Skizzen zur “Gespaltenen Jungfrau”. Solche Skizzen werden benutzt, um den Grafikern einen ersten Eindruck zu vermitteln, bevor es an das finale Design geht. |
»Ethorn von Setarrif hat sein Versteck verlassen«, sagte Gonter. »Er
bereitet sich darauf vor, Lord Tronter die Stirn zu bieten und die
Herrschaft Myrtanas über Argaan ein für alle mal zu beenden. Man
flüstert, Ethorn wolle den Statthalter des toten Königs stellen, wenn
er zum Schloss über dem Silbersee zieht, um die Steuern nach Thorniara
zu bringen.«
»Weiß jeder!« sagte Murdra, obwohl sie es eigentlich noch nicht gewusst
hatte. »Aber was hat’s mit dir zu tun? Und mit der Gilde?«
»Die Herren von Stewark wollen sich Ethorn anschließen, wenn es zur
Schlacht kommt. Und die Jäger vom Bluttal stehen an ihrer Seite.«
»Händler sind keine Krieger!« warf Murdra ein.
»Nein,
sind sie nicht«, gab Gonter zu, »aber auf ihnen ruht auch nicht das
Misstrauen der Paladine. Ein paar Waffen, versteckt unter den Kisten
deiner Freunde … Ihr könntet sie unbemerkt ins Bluttal schmuggeln. Das
wäre ein großer Dienst für Ethorn von Setarrif, ein großer Dienst für
die Freiheit Argaans.«
»Ein Bärendienst wär’s für die Gilde«,
zischte Murdra und spuckte vor sich auf den Steinboden. »Krieg im
Bluttal, und die Bergstraße nach Thorniara und Setarrif gesperrt! Dann
wär’s Essig mit dem Handeln!“
»Nie war die Zeit günstiger«, sagte
Gonter und machte einen Schritt auf Murdra zu. »Rhobar II ist tot,
erschlagen von einem tapferen Mann, der den Mut hatte, für die Freiheit
einzustehen. Ein Mann namens Lee soll über die Paladine gebieten, aber
seine Macht ist beschränkt, auf Vengard und einen kleinen Teil
Myrtanas. Der Rest des Landes wird schon bald in Flammen aufgehen.
Schau‘ dir die Nordmänner an: Sie zerfleischen sich gegenseitig. Varant
hat viele Könige, die sich bis aufs Blut bekriegen. Wenn wir jetzt zu
den Waffen greifen, wird es niemanden geben, der Lord Tronter zu Hilfe
eilt. Der Statthalter des toten Königs steht allein! Glaub‘ mir,
Murdra, der Krieg um Argaan wird schnell geschlagen sein. Er wird dir
kaum schaden. Im Gegenteil: Wenn du dich jetzt auf die richtige Seite
stellst, wird er dir von großem Nutzen sein!«
Murdra schüttelte störrisch den Kopf. »Nichts da!« sagte sie und wollte
sich von Gonter abwenden, aber der Jäger packte sie grob am Oberarm.
Jetzt reicht’s, dachte Murdra und trat ihm wuchtig zwischen die Beine. Gonter stöhnte überrascht auf und ging in die Knie. Das hat er davon,
triumphierte Murdra und trat noch einmal zu. Dann fuhr sie herum, eilte
zur Tür, die vom Weinkeller in den Schankraum führte. Gedämpftes Grölen
und Lachen war zu hören. Murdra riss die Tür auf. Der Lärm des
Schankraums schlug ihr entgegen. Sie zwängte sich an den Gästen vorbei,
in Richtung ihrer Küche.
»Belgor!« brüllte Murdra, und noch einmal: »Belgor!«
Die Gäste verstummten. Alle Blicke waren auf Murdra gerichtet. Auch der
Knecht, der ganz in der Nähe stand, starrte sie mit offenem Mund an.
Belgor trat aus der Küche in den Schankraum. »Was gibt’s da zu brüllen?« fragte er mürrisch.
»Gonter macht Ärger!« rief Murdra. »Hat mich angegrapscht, der Hund! Im Weinkeller!«
Belgors Blick verfinsterte sich. Er krempelte die Hemdsärmel hoch und schob sich an Murdra vorbei. Taugt vielleicht doch was, der Mann, dachte sie. Aber zwei Männer sind besser! Sie packte den Knecht am Kragen und stieß ihn hinter Belgor her. Dann folgte sie beiden zum Weinkeller.
»Hat
sich verdrückt!« hörte Murdra Belgor sagen, als sie durch die Tür trat.
Er stand mit geballten Fäusten vor dem großen Weinfass. Gonter war
nirgends zu sehen.
»Da ist er, auf dem Hof!« rief der Knecht, der durchs Tor spähte.
»Gonter, du Hund«, donnerte Belgor. »Ich schlag‘ dich zu Brei!« Dann stürmte er raus.
Als Murdra ihm durchs Tor folgte, wäre sie fast über den Eimer gefallen. So ein Dreck,
dachte sie und ruderte mit den Armen. Der Milchkrug klapperte kräftig
gegen den Eimerrand, Milch schwappte auf den Boden. Irgend etwas
stimmte nicht. Als Murdra ihr Gleichgewicht wieder gewonnen hatte, fiel
es ihr ein: Das Messer war weg.
»O, o«, sagte Murdra und schaute sich um.
Belgor stand mitten auf dem Hof. Seine Wut schien verflogen zu sein.
»Gonter?« fragte er besorgt. Der Jäger lag halb unter dem
Bretterverschlag, an dem Murdra die Hühner aufgehängt hatte. Etwas
ragte aus seinem Rücken. Murdra stapfte zu ihm rüber. Schon auf dem Weg
erkannte sie den hölzernen Griff ihres Fleischermessers. Belgor ging
neben Gonter in die Hocke und berührte den Hals des Jägers. Dann
schaute er Murdra argwöhnisch an.
»Eine Trachtprügel hätte völlig gereicht«, raunte er ihr zu.
Glaubt, ich wär’s gewesen, erkannte Murdra.
Sie starrte auf den Messergriff und auf die dunkle, feuchte Stelle im
Lederwams, die ihn umgab. Hühnerblut tropfte vom Bretterverschlag auf
Gonters Rücken, vermischte sich mit dem Blut des Jägers. Zum ersten Mal
seit langem wusste Murdra nicht, was sie sagen sollte. Hinter sich
hörte sie viele Schritte und Stimmen. Die Neugier trieb die Gäste der
Gespaltenen Jungfrau auf den Hof.
»Da
rennt einer!« rief Elgan und zeigte mit seiner Pfeife über den
Lattenzaun.Murdra schaute auf. Der Mann, der über die Wiese in Richtung
Orkwald rannte, trug einen schwarzen Kapuzenumhang. »Aha!« sagte sie. Hat nicht geschlafen, das Schwein, hat gelauscht! Sie spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Das hat er jetzt vom Krieg,
dachte Murdra und starrte auf den hölzernen Griff des Fleischermessers,
der aus Gonters Rücken ragte. Dann löste sich ihr Blick vom Messer, und
sie schaute erneut über den Lattenzaun, dem Mann im schwarzen
Kapuzenumhang hinterher, der eilig zwischen den Bäumen des Orkwaldes
verschwand.
Von Hans-Jörg Knabel










