#1 Murdra
Würgen sollte man sie, allesamt!
Murdra zwängte sich mit ihren Metkrügen durchs raue Gelächter. Nichts in der Hand, aber im Weg stehen. Und ich darf tanzen! Sie wuchtete die Krüge über Elgans Kopf und ließ sie auf den Tisch knallen, dass der Met aufs dunkle Eichenholz schwappte. Elgan lehnte sich im Stuhl zurück, nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und grinste Murdra mit faulen Zähnen an. »Heute sind wir aber schlecht gelaunt. Was, Murdra?« sagte er, während ihm der Pfeifenrauch aus dem Mund und aus der Nase quoll.

»Gleich ist’s Essig mit dem Met«, fauchte Murdra, »und du kannst deine Pfeife im Regen rauchen.« Sie spuckte ins Stroh, das die Dielen des Schankraums bedeckte, und stapfte zurück, in Richtung ihrer Küche. Elgan rief ihr etwas nach, aber seine Stimme verlor sich im Lärm der Taverne. In Murdras Rücken schwoll das Gelächter an. Rauswerfen sollte man sie, allesamt, knurrte Murdra in sich hinein – da spürte sie die Hand an ihrem Rock.

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Steckbrief „Murdra“
Rasse/
Geschlecht:
menschlich / weiblich
Alter: 35
Region: Stewark
Rolle: Wirtin der Gespaltenen Jungfrau / Oberhaupt der Händlergilde
Charakter/
Aussehen:

Feist, stämmig, motzig, derb. Man denke an ein im flachen Bogen gegen ein Kinn geschwungenes Wellholz oder an einen bedrohlichen Besen. Ärmel hochgekrempelt, schmutzige Schürze. Unschön. Achtet bei Männern auf Schönheit und Wohlstand (hat sich aber bei ihrem Mann geirrt).

Störrisch. Verteidigt ihre Position, auch wenn sie völlig falsch ist (z. B. wenn sie glaubt, Xardas heiße in Wirklichkeit Wardas).
Eigenheiten: Spiel mit der Spucke
Ausspeien als Zeichen der Wut und des Triumphes (z. B. über ihren Mann)
Leicht schiefe Grammatik und idiomatische Fehler
Verschluckt viele Buchstaben
Hang zu Nachstellungen („Würgen sollte man sie, allesamt!“ / „Drecksviecher, elende!“)

Jetzt aber! Murdra drehte sich mit funkelnden Augen um. Feren, der junge Händler aus Stewark, der alle paar Wochen in der Gespaltenen Jungfrau einkehrte, lächelte sie an. »Setz dich zu mir, Murdra«, sagte er und wies mit seiner Hand auf den leeren Stuhl an seinem Tisch.
»Von wegen«, erwiderte Murdra und wollte weitergehen, aber Ferens Hand umfasste ihren nackten Unterarm. Er hatte eine zarte Hand, mit schmalen Fingern und Nägeln, unter denen keine Erde klebte. Murdra spürte, wie sich die feinen Haare an ihrem Unterarm aufrichteten.
»Komm schon«, sagte Feren, ohne ihren Arm loszulassen.
Schön ist er ja, dachte Murdra und betrachtete seine Hand. Und Ringe hat er.
»Kurz«, beschloss sie und setzte sich zu Feren an den Tisch.
»Mein Onkel ist zurück auf der Insel«, erzählte Feren, während seine Finger über Murdras Handrücken strichen. Seine goldenen Ringe schimmerten verführerisch im Kerzenlicht. »Kam gestern mit dem Schiff aus Vengard.«

»Aha«, sagte Murdra und überlegte, wie seine Ringe an ihren Fingern aussehen würden.
»Die Orks sind geschlagen, sagt er. Und er hat viele Geschichten mitgebracht, von einem namenlosen Helden und von Xardas, dem Magier.«
»Wardas«, warf Murdra ein. Feren hörte auf zu reden und blinzelte Murdra verständnislos an. »Wardas heißt der Magier«, sagte Murdra und rümpfte die Nase. »Weiß doch jeder!«
»Mein Onkel sagt …«

Murdra schüttelte den Kopf. Schön, aber dumm, entschied sie und zog ihre Hand zurück. Da helfen auch die Ringe nichts. Glaubt dem Onkel alles und weiß nicht einmal wie der Magier heißt.
Murdra»Nun, jedenfalls erzählt mein Onkel, dass Xardas …«
»Ich will’s nicht hören«, sagte Murdra bestimmt und erhob sich von ihrem Stuhl. »Der Onkel weiß nicht wie der Magier heißt. Was will er dann schon für Geschichten wissen?«
Feren wollte etwas erwidern, aber Murdra wandte ihm den Rücken zu und schaute sich schnaubend im Schankraum um. Aus mehreren Ecken ertönte der Ruf nach Met. »Ja, ja«, knurrte Murdra. »Ich komm‘ ja gleich!« Dann stapfte sie zurück in ihre Küche.
Belgor stand am Hackbrett, das Fleischerbeil in der schwieligen Hand, und empfing Murdra mit grimmigem Blick. Ringe hat der keine, dachte Murdra verärgert.
»Was?« fragte sie und starrte ihm trotzig in die Augen.
»Bist du wieder bei einem der Männer gesessen?« frage Belgor in vorwurfsvollem Ton.

Murdra spielte mit der Spucke in ihrem Mund, als wolle sie ausspeien, aber noch verkniff sie es sich. Ich hätt‘ ihn nicht heiraten sollen, entschied sie. Was will man mit einer Taverne, wenn der Mann nicht mal Ringe hat?
Belgor wartete auf eine Antwort. Murdra konnte seine Wut spüren, seine Eifersucht. Aber da war auch ein fahles Glimmen in seinen Augen, ein Funken Hoffnung, dass sie vielleicht doch nicht bei einem der Männer gesessen ist.
»Was geht’s dich an?« fauchte Murdra und spuckte neben den Herd. Die Hoffnung wich aus Belgors Augen. Er ließ das Fleischerbeil auf den Schweinerücken niederfahren, der auf dem Hackbrett lag. Dann war er fort, durch die Hintertür mit seiner Pfeife.

Im Schankraum ertönten wieder die Rufe nach Met. Rauchen kann er, dachte Murdra, und ich darf schuften. »Beliar soll ihn holen«, schnaubte sie verächtlich und griff nach den Metkrügen, die auf dem Tisch bereitstanden. Dann stapfte sie zurück ins raue Gelächter.

Von Hans-Jörg Knabel

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