#17 Der Neue

»Ich renn doch nicht rum und spiel die Magd für dich, wenn ich den Plan nicht mal kenn«, sagte die junge Abenteurerin und grinste naseweis.

»Pah!« zischte Murdra. Daher weht der Wind.

Sie konnte die Abenteurerin nicht ausstehen. Schon ihren Namen mochte sie nicht. Zyra. Wer heißt schon Zyra? Das klang fremdländisch und kokett, und so verhielt sie sich auch. Seit sie die Gespaltene Jungfrau zum ersten Mal betreten hatte, scherzte sie mit jedermann und mischte sich überall ein. Fast jeden der Gäste hatte sie schon um ihren Finger gewickelt, nur an Murdra hatte sie sich die Zähne ausgebissen.

Wenn sie ’s weiß, wissen ‘s alle, auch die Räuber, und der schöne Plan ist dahin! Murdra schüttelte störrisch den Kopf. »Kannst du vergessen«, knurrte sie. »Ich sag nichts, sonst weiß es die ganze Taverne!«

»Wie du willst«, sagte Zyra. »Aber dann geb ich auch nicht die Magd für dich.«

Murdra zuckte mit den Schultern. »Ich find schon ‘nen andern Dummen«, erwiderte sie.

Zyra grinste sie spöttisch und herausfordernd an, dann, ganz unvermittelt, ging sie an der Anrichte vorbei und stapfte geradewegs durch Murdras Küche.

Murdra sog scharf die Luft ein, ballte die Hände zu Fäusten. »Keiner kommt in die Küche!« keifte sie, aber die Abenteurerin hatte den Raum schon fast durchquert.

»Tatsächlich?« fragte Zyra, schnippisch und ohne zu Murdra zurückzuschauen. Dann griff sie zur Klinke, zog die Tür auf und verschwand lachend im Regen.

Feuchtes Laub wehte herein.

»Falsche Kuh!« zischte Murdra. Sie hastete zur Küchentür, warf sie grimmig ins Schloss. Dann nahm sie den Besen und fegte grollend die Blätter zusammen. Als sie fertig war und sich wieder dem Schankraum zuwandte, sah sie den Fremden. Er hatte die Jungfrau gerade erst betreten und kam direkt auf Murdra zu.

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»Aha! Ein Neuer!«, knurrte Murdra als der Fremde die Anrichte erreicht hatte. »Wer hat dich hier rein gelassen?«

»Ein Holzfäller auf dem Hof«, antwortete der Fremde leichthin.

Wie einer der Räuber, die die Brücke nach Stewark besetzt hielten, sah er nicht gerade aus, eher wie ein einfacher Bauer oder ein Fischer. Trotzdem war Murdra misstrauisch, schließlich war die Jungfrau schon seit einigen Tagen vom Rest der Insel abgeschnitten. Woher also kam der Fremde? Murdra hätte ihn am liebsten gefragt, aber es hätte nach Schwäche geklungen, und sie wollte Stärke beweisen, gerade jetzt. Also verkniff sie sich die Frage. Der Fremde sollte gleich von Anfang an wissen, wer hier im Hause das Sagen hatte.

Murdra verschränkte die Arme vor der Brust. »Nur damit du's weißt«, knurrte sie. »Normalerweise entscheide ich, wer rein kommt! Wenn du Ärger machst, …«

»… bekomm‘ ich ‘s mit den Holzfällern zu tun«, schnitt ihr der Fremde das Wort ab. »Ich weiß.«

Murdra ließ eine Augenbraue in die Höhe schnellen. »Merk's dir gut!« sagte sie und taxierte den Fremden abwartend.

»Ich suche Daranis«, sagte der Fremde ohne Umschweife.

»Den hohen Herrn?« Murdra konnte sich nicht vorstellen, dass sich ein Magier wie Daranis mit einem einfachen Bauern abgeben würde. Interessiert sich für Bücher und Steinkreise, der hohe Herr, nicht fürs Gesinde. »Meinst, der empfängt einen Burschen wie dich?« fügte sie höhnisch hinzu.

»Wir werden sehen.« Der Fremde blieb gelassen. »Sag' mir einfach, wo ich ihn finde.«

Schneid hat er ja, dachte Murdra. Oder war er am Ende ein Knecht des Magiers, der auf magische Weise zur Jungfrau gelangt war und oben schon erwartet wurde? Soll der hohe Herr selbst entscheiden, ob er ihn sehen will. Ich misch mich nicht ein!

»Sitzt oben, in seinem Zimmer, der hohe Herr, und liest.« Murdra deutete mit dem Kopf zur Empore hinauf. »Tut er immer. Selbst das Essen muss ich ihm hochbringen. Geh' die Treppe rauf und raus auf den Balkon. Dann nach rechts. Da ist sein Zimmer.«

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Der Fremde nickte knapp, dann ging er zur Treppe und hoch in das obere Stockwerk hinauf. Murdra hörte seine Schritte auf der Empore und erwartete halb, dass er bald wieder zurückkehren würde, weil Daranis ihn gleich wieder aus dem Zimmer warf, aber er kehrte nicht zurück, eine ganze Weile nicht. Murdra nahm den Besen und fegte den Schankraum, dann kehrte sie in die Küche zurück und kümmerte sich um das Essen auf dem Herd. Sie hatte den Fremden fast schon wieder vergessen, da kam er die Treppe hinunter und stellte sich zu Murdra an die Anrichte.

»Warst beim hohen Herren?!« stellte Murdra fest und musterte den Fremden mit zusammengekniffenen Augen.

»Ja«, sagte der Fremde. »Er meinte, ich soll den Leuten hier in der Gegend zur Hand gehen.« Ein zartes Lächeln, das Murdra nicht für ganz echt hielt, umspielte seine Lippen. »Wie steht es mit dir? Kann ich was für dich tun?«

Also doch ein Knecht des hohen Herren, dachte Murdra und war froh, dass sie ihm den Weg nach oben nicht verwehrt hatte. »Hm. Warum nicht?« begann sie. Der Fremde war nicht gerade ein Hüne, aber er schien stark zu sein; stärker als Zyra war er allemal. »Kräftig siehst du ja aus«, fuhr sie fort.

»Was soll ich tun?« fragte der Fremde.

Nur den Plan nicht erwähnen, dachte Murdra. Den Fehler hatte sie bei Zyra gemacht. »Mir geht so langsam der Met aus«, sagte Murdra, »und - bis die nächste Lieferung kommt, kann's noch dauern.« Sie wollte weitersprechen, ein wenig über die gesperrte Brücke klagen, um ihn für sich zu gewinnen, aber der Fremde fiel ihr ins Wort.

»Verstehe. Ich soll dir welchen besorgen.«

Will nichts wissen, dachte Murdra, während sie mit dem Kopf nickte. Auch gut. »Von Garv«, sagte sie, »einem der Holzfäller. Der hat sicher ein paar Fässchen übrig.« Dass Garv ein Schläger war und den Met nicht einfach rausrücken würde, verschwieg sie. »Holst du mir zwei?«

»Ich geh' zu Garv und hol' dir den Met«, versprach der Fremde.

»Ah!« knurrte Murdra. »Die Gäste wird's freuen.« Sie verzog das Gesicht zu einem Lächeln, dann fügte sie hinzu: »Und mich auch.«

»Wo finde ich Garv?«

»Musst aus dem Tor raus und dann gleich rechts den Weg runter, am alten Wachtturm vorbei. Da steht seine Hütte.«

Der Fremde wandte sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, von Murdra ab und ging durch den Schankraum zur Tür, hinaus auf den Hof. Murdra schaute ihm nach und rieb sich die Hände. Hab ‘s ja gesagt, dachte sie. Ich find schon einen, der mir den Met besorgt. Murdra grinste vor sich hin. Ihr Plan nahm Gestalt an, auch ganz ohne Zyra.

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von Hans-Jörg Knabel

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